Motorbike Rally – ein Beitrag zum Frieden?!


In den gemeinsamen Tagen sitzen wir in verschiedenen Gesprächs- und Auswertungsrunden zusammen und tauschen uns darüber aus, was den Frieden befördern kann und was unsere Tour dazu beiträgt.

Der öffentliche Auftritt und die Wahrnehmung unserer Gruppe ist zunächst eine Botschaft: Christinnen und Christen treten für den Frieden ein. Verschiedene lokale und nationale Zeitungen sowie lokale Fernsehsender berichten darüber und beim Start in Amritsar ist ein Abgeordneter des indischen Parlaments präsent. Das erzeugt Aufmerksamkeit und wir werden immer wieder darauf angesprochen.

Sicherlich, im Blick auf die großen Herausforderungen wenn es um die Konflikte mit dem Nachbarn Pakistan oder die militärischen Auseinandersetzungen in Kaschmir geht, wird das wenig bewirken. In unseren internen Gesprächen kommen wir aber schnell zu dem Punkt, dass Frieden auch eine sehr persönliche Dimension hat und vor allem auch in Bezug auf das Miteinander in der Gruppe.

Seit 12 Jahren gibt es alle 2 Jahre diese Peace Rally zu ganz unterschiedlichen Orten. Initiiert wurde sie von Bischof Samantaroy im Kontext der Jugendarbeit. Über die Jahre ist daraus eine multireligiös zusammengesetzte Gruppe gewachsen, die mittlerweile den Kernbestand der Mitarbeitenden der Diözese bildet. Damit hat er ein Team aufgebaut, das aufgrund dieser besonderen Erfahrungen der Peace Rally’s Rücksichtnahme (auch Interreligiöse), wechselseitige Unterstützung, das eigene Ego zurücknehmend, Konflikte auszusprechen und sich aufeinander zu verlassen eingeübt und erfahren hat! Sicherlich war die Tour in diesem Jahr für alle mit besonderen Herausforderungen und auch vielen Bedenken und Ängsten verbunden. Keiner hatte vorher diese Tour gemacht. Was es für eine Gruppe, die Motorräder, den eigenen Körper und die eigenen Fähigkeiten bedeutet sich über Tage in Höhen über 3.000 m aufzuhalten, den zweithöchsten befahrbaren Pass der Welt zu überwinden und mit Straßenverhältnissen konfrontiert zu sein, die alle Aufmerksamkeit und allen Mut erforderten davon hatte keiner eine wirkliche Ahnung und zugleich auch Ängste, die offen ausgesprochen wurden. Umso größer aber die Erfahrung des gegenseitigen getragen seins und der Rücksichtnahme. Zurück in Amritsar wird dies das Miteinander in der täglichen Arbeit in der Diözese weiterhin prägen und nach Außen in die Gesellschaft strahlen.

An unserem freien Tag in Manali nach der Rückkehr aus Leh haben wir Gelegenheit mit den Schülerinnen und Schülernnn am Vormittag zusammenzusitzen und darüber zu sprechen, was den Frieden in den unmittelbaren Lebenszusammenhängen gefährdet. Überheblichkeit, Egoismus, Arroganz, sich auf Kosten anderer zu profilieren, der oder die Beste sein zu wollen sind die Stichworte, die am Anfang genannt werden. Ich bin überrascht, wie schnell dann aber von vielen sehr offen das Kastenwesen als eine maßgebliche Ursache für Unfrieden im eigenen Umfeld und in der indischen Gesellschaft benannt wird. Schnell wird deutlich, dass Frieden und Gerechtigkeit sehr eng zusammenhängen und zwei Seiten einer Medaille sind. Dalits haben da wenig Chancen; oft sind sie von den guten Bildungsangeboten ausgeschlossen und verdienen als Tagelöhner ihr Geld.

Wir begegnen diesen Menschen sowie nepalesischen Tagelöhnern auf den Baustellen entlang unserer Route im Himalaya. Mit ihren Händen klopfen sie die Steine klein und besseren die Straßen aus. In mühevoller Arbeit bauen sie Sicherungswände gegen Steinlawinen und Geröll. Am Tag verdienen sie etwa 100 Rupien (1,35 €). Meist ist die ganze Familie mit dabei und die Frauen machen die schwerste Arbeit. Dazwischen spielen die Kinder oft unbeaufsichtigt. Eine Schule werden sie wohl nie besuchen.

Ungerechte Strukturen und Lebensverhältnisse sind oftmals die Ursache von Konflikten und Gewalt. Das Bewusstsein der Schülerinnen und Schüler der Day Star School in Manali lässt hoffen, dass es eines Tages in Indien gelingen wird das Kastenwesen zu überwinden und die damit verbundenen menschlichen Erniedrigungen zu überwinden. Die sozialen und an den Menschenrechten orientierten Programme der Diözese setzen hier einen Schwerpunkt und wollen friedensfördernd in die Gesellschaft wirken.

Wir alle sind überwältigt von der Weite und Vielfalt der Landschaft, den hohen Gebirgszügen und den tiefen Tälern. Zurück in Frankfurt, schwingen diese Bilder tief in mir nach. Eine Vielfalt und Schönheit, die schwer in Worte zu fassen ist. Eine weitgehend unbewohnte und menschenleere Landschaft und nur an wenigen Monaten im Jahr zugänglich. All das relativiert meine „eigene Größe“ und löst so etwas wie einen inneren Frieden aus. Im Angesicht der Wirkmächtigkeit, Größe und Schönheit dieser Berge werden die Sorgen, Ängste und Herausforderungen im sonstigen Alltag kleiner und unbedeutender. 

Das faszinierende hat zugleich aber auch etwas sehr bedrohliches. In den Bergen des Himalaya sind Kräfte am wirken, die sehr gewalttätig sind und gegen die der Mensch nur sehr begrenzt etwas ausrichten kann – diese Bergwelt ist alles andere als friedlich. Wir fahren an haushohen Steinbrocken vorbei, die ein Erdrutsch oder eine Steinlawine einfach mitten in die Landschaft gesetzt hat. Monatelange harte menschliche Arbeit an der Straße wird in Minuten zunichte gemacht. Die Schneeschmelze oder starke Regenfälle verändern von heute auf morgen die Straßenverhältnisse und machen kleiner Bäche die über die Straße laufen zu schwer passierbaren Wasserfällen. Wir fahren an den Wracks von 4 Militärlastwagen vorbei, die tief unten im Tal im Geröll liegen. Opfer eines unerwarteten Erdrutsches, der sie im vergangenen Jahr in die Tiefe riss. Diese Straße von Manali nach Leh offen zu halten, wird ein dauernder Kampf des Menschen gegen die Gewalten der Natur in dieser Region der Welt bleiben. Es kommt nicht von ungefähr, dass hier in der Bergwelt des Himalaya der Hinduismus den „Geburtsort“ der drei großen Götter Brahma (der Erschaffer), Vishnu (der Erhalter) und Shiva (der Zerstörer) verortet. Diese Ambivalenz des Schönen und zugleich bedrohlichen wird der Mensch nicht auflösen. Ein Sinnbild dafür, dass auch der Frieden im kleinen immer wieder Gefährdungen ausgesetzt ist.

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