Der Monat Muharram – die tiefe Trauer der Schiiten

An den öffentlichen Plätzen in den Städten und Dörfern und in den Moscheen hängen noch viele schwarze und schwarz-grüne Fahnen. Sie erinnern an den Monat Muharram (21.09.-19.10.2017) und das höchste Fest der Schiiten das Ashura-Fest am 1. Oktober.

„Aus dem Einfall der Araber im Jahr 624 und der darauf folgenden Islamisierung resultierte ein Trauma, das die Iraner bis zum heutigen Tag prägt.“ So beschreibt die seit Jahren den Iran bereisende Autorin Andrea Claudia Hoffmann in ihrem Buch „Der Iran“ (S. 61) das Lebensgefühl der Iranerinnen und Iraner. Die Islamisierung fand unter erheblichen Wiederständen der Bevölkerung mit zum Teil brutaler Gewalt statt. „Bibliotheken und Tempel wurden verwüstet; zoroastische Priester getötet; die Statuen der alten Könige von Persepolis in zwei Hälften geschlagen.“ (Hoffmann, S. 61) Es entstand eine Art Drei-Klassen-Gesellschaft: Araber – zum Islam konvertierte die ethnisch keine Araber waren („mawali“) – und alle Nicht-Araber die an ihrer Religion festhielten (Zoroaster, Juden, Christen und Mandäer). Die ethnischen Gegensätze von Persern und Arabern erscheinen bis heute einer der Schlüssel zum Verständnis der Konflikte in der großen Region von Afghanistan / Pakistan über Iran, Irak, Syrien, den Libanon, Palästina, Israel bis nach Ägypten einschließlich der arabischen Halbinsel zu sein.

Ein weiterer wichtiger Schlüssel zum Verständnis des Islam und der Konflikte in dieser Region ist die Spaltung der Muslime in Shiiten und Sunniten. Zwischen 80 und 90 Prozent der Iraner sind Shiiten. Hintergrund der Spaltung ist der Streit um die Nachfolge Mohammeds, der unmittelbar nach seinem Tod ausgebrochen ist. Verkürzt kann man sagen: es gab die Partei Alis – mit ihr sind die Shiiten verbunden – und die Partei Abu Bakr‘s, dem ersten gewählten Nachfolger Mohammeds – mit ihr sind die Sunniten verbunden. Zwischen beiden Parteien gab es immer wieder blutige Konflikte um die Macht. Ali fand bei den Iranern große Sympathien, setzte er sich doch angesichts des arabischen Rassismus für eine Gleichstellung der Perser ein. Es gibt Überlieferungen von ihm die deutlich machen, dass er sich gegen eine Behandlung der Besiegten Perser als Muslime zweiter Klasse einsetzte. So wurde er nach seinem Tod schnell zum Schutzpatron der Iranerinnen und Iraner und seine Nachkommen aus der Ehe mit Fatima – Tochter des Propheten Mohammed – die legitimen Oberhäupter („Imame“) der muslimischen Gemeinschaft.

Ein erneuter Versuch der Partei Alis durch seinen Sohn Hussein im Jahr 680 die Macht zu übernehmen endete mit einer qualvollen Niederlage in Kerbala. Damit war die Spaltung der muslimischen Gemeinschaft vollzogen und Kerbala wurde das zentrale Heiligtum der Shiiten. Bis heute gedenken die Shiiten im Trauermonat Muharram dieser blutigen Niederlage.

In Hyderabad – eine Stadt in Indien mit einer großen schiitischen Gemeinschaft – konnte ich von Ferne eine solche Trauerprozession verfolgen die mit Selbstgeiselung der Männer und lauten Wehklagen der tief schwarz gekleideten Frauen verbunden ist. Am Abend gibt es auf den öffentlichen Plätzen Aufführungen, die das blutige Geschehen mit Laienschauspielern darstellen.
Kollektive Trauer und Selbstkasteiung sind bis heute Kernstück der religiösen Praxis der Schiiten im Trauermonat Muharram. Höhepunkt ist am 10. Tag das Ashura-Fest. „Anstatt als bloße Besatzer-Religion wahrgenommen zu werden, beinhaltete der Islam in seiner schiitischen Variante nun sogar ein oppositionelles und patriotisches Element.“ (Hoffmann, S. 84)


Diese historischen Aspekte und die Spaltung der muslimischen Gemeinschaft sind wichtige Schlüssel zum Verständnis des Iran und ein Zugang zu seiner Rolle in den heutigen Konflikten in der Region von Ägypten über den Nahen und Mittleren Osten bis in den vorderasiatischen Raum.

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