Bilanz eines Bischofs

Nach 4 Jahren habe ich Gelegenheit unsere Partnerdiözese Krishna Godavari in Vijayawada am Ende der Dienstzeit von Bischof Dr. Dyvasirvadam für wenige Tage zu besuchen.

Es liegt genau 20 Jahre zurück, als ich im Januar 1998 als Beauftragter der Propstei Oberhessen für Mission und Ökumene zum ersten Mal die Diözese besuchte. Es folgten zahlreiche weitere Besuche mit Partnerschaftsgruppen, mit Pfarrerinnen und Pfarrern im Rahmen von Pastoralkollegs und manchmal auch alleine. Vieles hat sich in den Jahren verändert – vor allem in den letzten 15 Jahren unter Bischof Dr. Dyvasirvadam.

Viele Institutionen der Diözese im Bildungsbereich konnten in ihren Angeboten weiterentwickelt und höhere Ausbildungsstandards erreicht werden. Verschiedene „income generating projects“ wurden verwirklicht. Mittlerweile unterhält die Diözese drei shopping Komplexe durch deren Vermietung sie ein gutes Einkommen hat und im ersten Stock zugleich Räume für die eigene Verwaltung oder gemeindliche Angebote zur Verfügung stehen. Allem Anschein nach ist die finanzielle Situation der Diözese deutlich besser als vor 20 Jahren. Dadurch ist es möglich höhere Gehälter zu zahlen, eine notwendige Verwaltungsstruktur zu unterhalten und die Gebäude in einem akzeptablen Zustand zu halten – das zumindest erzählen mir die Menschen denen ich in diesen Tagen begegne. Ende März geht Bischof Dyvasirvadam in den Ruhestand. Noch in den letzten Tagen werden von ihm 3 neue Kirchen auf dem Land eingeweiht. Hier in Indien sind die Kirchengebäude für die Gemeinden identitätsstiftend und ein öffentliches Zeichen für ihre Präsenz.

Ein Anliegen des Bischofs wird dagegen bis zum Ruhestand unerfüllt bleiben: die Eröffnung eines Krankenhauses in Vijayawada das für die ärmere Bevölkerung eine medizinische Versorgung sicherstellen soll. Gegenwärtig ruht der Bau bis ein Einspruch abschließend geklärt ist. Es wird erwartet, dass in wenigen Wochen der Bau weitergehen kann. Die EKHN unterstützt aus Ökumenemitteln den Bau des Krankenhauses.

Auch wenn man durch die Straßen von Vijayawada fährt hat man den Eindruck es hat sich vieles geändert. Neue Wohnviertel sind entstanden, die Straßenverhältnisse haben sich deutlich verbessert, es scheint eine geregelte Müllentsorgung zu geben und das Bewusstsein für Hygiene und Sauberkeit ist gestiegen. Dazu lange Einkaufsstraßen, neue Einkaufszentren und riesige Leuchtreklamen. Das ist die eine Seite!

Im städtischen Straßenverkehr streiten weiterhin die Rikshaw Puller mit den Ochsenkarren, Three Wheeler, den vielen Autos der Mittelklasse und den SUV‘s um den wenigen Platz. Dazwischen Menschen auf ihrem Weg zum Büro oder Einkauf, Verkäufer*innen von Dingen des täglichen Bedarfs, zahlreiche Imbissstände, in Safranfarben gekleidete Pilger *innen und immer wieder auch Kinder, Jugendliche und Erwachsene denen man ansieht, dass sie noch nicht wissen ob ihr Einkommen am Abend für das tägliche Essen der Familie reichen wird. Auch wenn es eine zunehmend einkommensstarke Mittelschicht in Indien gibt, wächst die Schere zwischen Armut und Reichtum. Glaubt man den Zahlen, dann ist 90% des Kapitals im Besitz von 1% der Bevölkerung Indiens; nach Angaben der Weltbank müssen rund 750 Millionen Menschen mit weniger als 2 Dollar pro Tag auskommen; 30% der Bevölkerung sogar mit weniger als 1,25 Dollar am Tag. Bei einem späteren Besuch eines Projektes des Henry Martyn Institutes in der Altstadt von Hyderabad erzählt mir eine junge Frau, dass sie zu Hause in der Familie 10 Personen sind; damit am Abend alle satt sind, brauchen sie am Tag 2.000 bis 3.000 Rupien (28 bis 43 Euro) – am Morgen ist oft nicht klar ob das Tageseinkommen dazu reichen wird. Das ist die andere Seite!

Noch deutlicher wird die Schere zwischen Armut und Reichtum wenn man in die Dörfer kommt. An einem Tag fahre ich etwa 60 km von Vijayawada nach Machilipatnam um die dortige Schule und ein Nähprojekt der Diözese zu besuchen. Da die Hauptverkehrsstraße auf Grund von Bauarbeiten vollkommen überlastet ist, fahren wir über Dörfer und kleine Straßen dorthin. Hier ist das Bild wie ausgewechselt und die Zeit scheint teilweise stehen geblieben zu sein. Die Felder werden mit der Hand bestellt, Ochsenkarren halten immer wieder den Verkehr auf, LKWs mit überladener Last von der Zuckerrohr Ernte halten vom überholen ab, die manchmal unbefestigten Straßen wirbeln unendlichen Staub auf, entlang der Straßen ziellos weggeworfener Müll und immer wieder auch Menschen, die unter Plastikplanen leben.

Seit vielen Jahren unterstützen die Partnerdekanate in Oberhessen das ICDP-Projekt (Integrated Child Development Project) der Diözese. In mehreren Einrichtungen auf dem Land und am Rande von Vijayawada werden Kinder im Kindergartenalter in diesen Einrichtungen tagsüber betreut, erhalten eine gesundheitliche Grundversorgung und eine Mahlzeit am Tag (für manche die einzige Mahlzeit, die sie bekommen). In Poranki, einem Vorort von Vijayawada, kann ich eine dieser Einrichtungen besuchen. Die Gastfreundlichkeit, die Lebendigkeit und Freude die diese Menschen ausstrahlen und ihre Dankbarkeit sind für mich immer wieder überwältigend!

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