“Peace as goal …

… justice as perspective, reconciliation as methodology.” So steht es über dem Eingang des Henry Martyn Institues (HMI) in Hyderabad. Eingeladen hat der Direktor des Institutes, Dr. Packiam, alle nationalen und internationalen Partner des Institutes zu einem Round Table um über die bisherigen Entwicklungen und die Zukunft des Institutes ins Gespräch zu kommen und um Verabredungen für künftige Programme zu treffen. Ein erstes solches Treffen fand vor 4 Jahren in Frankfurt statt.

Als langjähriger Partner des HMI war auch die EKHN zu diesem Round Table eingeladen. Sehr engagierte Mitarbeiter*innen des Institutes haben uns in den zwei Tagen die durchaus positiven Entwicklungen der letzten Jahre und ihre Programme dargestellt. Einer der größten Erfolge ist sicherlich die Anerkennung durch das Senate of Serampore College (University), die dem Institut ermöglicht, einen Doktoranden und Master Studiengang in Theologie anzubieten. Damit kommen neue Studierende an das Institut. Insgesamt konnten die Programme in den letzten Jahren ausgebaut und notwendige Renovierungs- und Erweiterungsarbeiten an den Gebäuden vorgenommen werden. Der große Garten mit der Prayer Hall vermittelt den Eindruck mitten in der Natur zu sein. In die Pflege des Gartens wird weiterhin viel Arbeit investiert. Eine engagierte Ordensschwester der Kapuziner kümmert sich um das Hostel, das in einem guten Zustand ist. Einiges wurde in seine Infrastruktur investiert.

Vor einigen Wochen wurde der Grundstein zu einem großen Tagungszentrum gelegt, das langfristig die notwendigen Einnahmen des HMI absichern soll. Damit entstehen weitere Gästezimmer, ein Plenarsaal, Workshopräume und eine große Kantine. Die baulichen Erweiterungen der bereits bestehenden Gebäude, die mittlerweile üppig gewachsenen Bäume und Pflanzen und die immer näher rückende Besiedlung um das Gelände herum, nehmen dem Ganzen etwas von seiner ursprünglich luftigen und hellen Atmosphäre.

Der Name des Geländes „Aman-Shanti“ (das muslimische und Hindu Wort für Frieden) ist weiterhin Programm des „Centre for Research, Interfaith Relations and Reconciliation“ wie es offiziell heißt. Hindus, Christen und Muslime arbeiten zusammen und geben so ein Beispiel dafür, dass Frieden und Gerechtigkeit die Aufgabe aller Religionen ist. Die Besonderheit und zugleich Stärke des Institutes besteht in seinen drei Arbeitsbereichen: der akademischen Forschung und Lehre, den Nachbarschaftsprojekten in der Altstadt von Hyderabad und den Trainingsangeboten für Konfliktbearbeitung. In den Gesprächen wird deutlich, dass es nicht immer einfach ist, die Balance zwischen den unterschiedlichen Schwerpunkten zu halten. In den letzten Jahren wurde vor allem in die Entwicklung der akademischen Forschung und Lehre investiert während die Arbeit in den Projekten der Altstadt unverändert blieb.

Zu den internationalen Partnern des HMI gehören neben der EKHN vor allem die Church of Sweden, Eco aus den Niederlanden, Brot für die Welt und das Evangelische Missionswerk. Von Seiten der EKHN wird der jährliche Sommerkurs in Konfliktbewältigung finanziell getragen, Delegierten aus den indischen Partnerkirchen eine Teilnahme an Programmen des HMI ermöglicht und eigene Programme für Pfarrer*innen u.a. im Rahmen von Pastoralkollegs angeboten. Nach den Gesprächen der letzten Tage wird geprüft werden, ob die EKHN ein Doktorandenstipendium fördern und die Projektarbeit in der Altstadt anteilig mit fördern kann.

Da ich bereits einen Tag früher aus Vijayawada anreisen kann, habe ich die Gelegenheit die Projekte in den Altstadtvierteln Sultan Shahi und Hashama zu besuchen. Vor allem die Entwicklung von Sultan Shahi konnte ich über viele Jahre verfolgen und es ist für mich beeindruckend mit wieviel Engagement und Energie die Frauen dieses Projekt trotz aller Herausforderungen im Alltag am Leben halten. Beides sind Stadtviertel in denen es immer wieder zu Konflikten zwischen der Muslim und Hindu Community kommt. Beide Communities sind strikt getrennt und auf der Grenze befinden sich die Einrichtungen des HMI mit ihren Angeboten. Das Konzept is eigentlich einfach: Kindergarten und Grundschule in denen etwa 50 Kinder aus beiden Communities gemeinsam unterrichtet werden, eine Nähschule und Mehndi Ausbildung (Henna Tattoos) für junge Frauen aus beiden Communities – so entstehen Freundschaften, Vorurteile werden abgebaut und im Ernstfall tragen die Frauen zur Deeskalation von Konflikten bei. Ehemalige Schülerinnen aus Sultan Shahi haben den Aufstieg geschafft und unterrichten mittlerweile in neuen Projekten des HMI.
Zugleich erscheint es aber auch wie ein Kampf gegen Windmühlen. Weder die Lebenssituation der Menschen in dem Viertel noch die Situation von Mädchen und Frauen hat sich in diesen Jahren grundlegend geändert. Viele leben noch immer als Tagelöhner oder haben im Hinterhof ein kleines Business in dem die ganze Familie mithelfen muss.

Da erscheint die Schulbildung der Kinder als ein Luxus und die Mitarbeiterinnen müssen gerade für die Mädchen bei den Eltern immer wieder Überzeugungsarbeit leisten damit sie sie in die Schule schicken. Die Schule ist nicht kostenlos: 50 Rupien im Monat – nicht mal 1 Euro und doch können nicht alle das Geld aufbringen. Ein „Sparkonto“ soll helfen: wann immer ein paar Rupien übrig sind, können die eingezahlt werden; aber manchmal sind es am Monatsende doch nur 20 Rupien geworden und das Geld für ein Schulheft oder den Bleistift fehlt auch noch.


Von den jungen Frauen können viele von alltäglichen Gewalterfahrungen in der Familie berichten und wie sie gegen die eigenen Eltern und die muslimischen Frauen auch gegen ihre Brüder kämpfen mussten um an den Trainings- und Ausbildungsprogrammen des HMI teilnehmen zu dürfen. Die Projektleiterin zeigt mir vom Dach der Einrichtung ein mehrstöckiges Haus. Die Wohnungen sind an wohlhabende Männer aus arabischen Staaten vermietet, die dort zwei bis drei Monate im Jahr mit ihrer zweiten Frau, einer jungen Muslima aus Hyderabad, leben. Für die restlichen Monate kehren die Männer zu ihren Familien in die arabischen Staaten zurück und die jungen Frauen bleiben unversorgt und gehen zurück in ihre Familien in Hyderabad.

Sicherlich ist es ein Erfolg, dass sich für einzelne Frauen durch die Projekte des HMI die Lebensbedingungen grundlegend verändert haben. Zugleich ist es bedauerlich wie wenig sich grundlegend an der Position von Frauen in den Communities etwas geändert hat. Bleibt die Hoffnung auf generationsübergreifende langfristige Veränderungsprozesse.

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