„Gott gab uns Atem, damit wir leben“

Der mutmaßliche Giftgaseinsatz in Syrien und die Raketenangriffe der USA im Verbund mit Frankreich und Großbritannien als Vergeltungsmaßnahme haben das Zentrum Oekumene zu nachfolgender Stellungnahme veranlasst …

The supposed use of chemical weapons in Syria and the attack with missiles through the USA in an alliance with France and Great Britain challenged the Ecumenical Center to come out with the following statement …

the English Version you will find below

„Gott gab uns Atem, damit wir leben“ – gegen Giftgaseinsätze und militärische Vergeltungsschläge in Syrien

Mit Sorge um den weltweiten Frieden nehmen wir die aktuelle Lage in Syrien wahr. Die USA haben im Verbund mit Frankreich und Großbritannien am 14.4.2018 als Vergeltung für einen mutmaßlichen Giftgaseinsatz drei Ziele in Syrien mit 110 Raketen angegriffen. Chemische Waffen sind international geächtet. Wenn in Syrien Chemiewaffen eingesetzt wurden, bedarf dies der umgehenden Aufklärung und einer Anklage der Täter. Ebenso sind noch bestehende Waffenbestände unter der Kontrolle internationaler Gremien umgehend zu beseitigen. Dazu gibt es internationale Rechtinstrumente und Institutionen. Sollten sich diese Instrumente als unzureichend erweisen, bedarf es einer Überarbeitung im Rahmen des UN-Rechts.

Der aktuelle Vergeltungsschlag der USA, Frankreichs und Großbritanniens ist nicht vom UN Sicherheitsrat autorisiert und verstößt damit formal gegen das Völkerrecht. Darüber hinaus ist kein friedenspolitisches Konzept erkennbar. Der Einsatz droht dagegen die Schraube der Gewalt im Nahen Osten weiter hochzuschrauben.

Wir erinnern an Sätze der EKD Friedensdenkschrift (2007): „Eine militärische Intervention bedarf der Autorisierung und Legitimation in Form einer klaren völker- und verfassungsrechtlichen Grundlage. Nationale und bündnispolitische Interessen dürfen nicht an die Stelle der primären Zuständigkeit der UN und ihrer regionalen Abmachungen treten.“ (EKD Friedensdenkschrift 2007, Ziffer 121, Seite 79)

Wir sind uns bewusst, dass dies im Fall des Syrienkonfliktes eine formale Argumentation ist, denn hier stößt das Völkerrecht auf Grund der Intervention der Schutzmächte Syriens an seine Grenzen, da diese ein entsprechendes Mandat verhindern. Trotzdem halten wir an der Überzeugung fest, dass Gewalt keine Lösung für Konflikte ist. Sie schafft nur mehr Tote, Verletzte und treibt Menschen in die Flucht. Darum unterstützen wir die Haltung der Bundesregierung, politische Lösungen statt militärischer Interventionen voranzutreiben. Die EKD-Friedensdenkschrift sagt dazu: „Militärische Maßnahmen müssen Bestandteil einer kohärenten Friedenspolitik unter dem Primat des Zivilen bleiben“ und bewaffnete Einsätze sollten immer mit einer begleitenden und nachträglichen Evaluierung verbunden sein (Ziffer 119 und 123, S. 78f)

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass chemische Kampfmittel vor einhundert Jahren wesentlich von deutschen Wissenschaftlern entwickelt und vom deutschen Militär während des Ersten Weltkrieges eingesetzt wurden. Das erinnert uns an unsere eigene Verantwortung und wir bitten die politisch Verantwortlichen unseres Landes, aus historischer Verantwortung und aus aktuellem Anlass, Waffenlieferungen in Krisengebiete zu unterbinden und das ihnen Mögliche zu tun, um auf politischem Wege Frieden im Nahen Osten zu fördern.

Der amerikanische Präsident Donald Trump hat in seiner Rede an die Nation zum Beginn des Vergeltungsschlagens in Syrien gesagt: „Heute Abend bitte ich alle Amerikaner, ein Gebet für unsere edlen Krieger und unsere Verbündeten zu sprechen, während sie ihre Einsätze ausführen.“ Als Christinnen und Christen in einem Land, das im letzten Jahrhundert zweimal einen Weltkrieg über die Völker der Erde gebracht hat, sagen wir: es gibt keine „edlen Krieger“. Krieg tötet, verletzt, verstümmelt, zerstört und verstört Menschen an Leib und Seele. Darum beten wir für Frieden. Wir beten für die Opfer von Gewalt und Krieg.

Wir trauen dem Wort des Propheten Jesaja; „Die Frucht der Gerechtigkeit wird Frieden sein“ (Jesaja 32, 17). Gerechter Frieden in Syrien braucht – wie in jedem anderen Land – ein starkes Recht, soziale Sicherheit, kulturelle Vielfalt und die Sicherung der menschlichen Grundbedürfnisse. Waffengewalt ist kein Mittel des gerechten Friedens.

Frankfurt, im April 2018

Pfarrerin Sabine Müller-Langsdorf  (Beauftragte für Friedensarbeit)
OKR Pfarrer Detlev Knoche (Leiter)

English Version

“God gave us breath so that we can live” – Against the use of poison gas and military retaliation in Syria

We view the present situation in Syria with great concern for world peace. In an alliance with France and Great Britain, on April 14th 2018 the USA attacked three targets in Syria with 110 missiles in retaliation for a supposed use of poison gas. Chemical weapons are subject to an international ban. If chemical weapons were used in Syria, this must immediately be clarified and the perpetrators called to account. Any remaining stocks of such weapons should also be destroyed without delay under the supervision of the international authorities. International legal instruments and institutions exist to this end. Should these instruments prove inadequate, they need to be revised within the framework of UN legislation.

The present retaliatory attack by the USA, France and Great Britain was not authorised by the UN Security Council and thus formally contravenes international law. Moreover, there is no recognisable sign of a policy for peace. On the contrary, the attack runs the risk of raising the spiral of violence in the Near East to new heights.

We recall some sentences of the memorandum on peace of the Evangelical Church in Germany (EKD) (2007). “A military intervention must obtain authorisation and legitimacy in the form of a clear basis in international and constitutional law. The interests of national policies and regional alliances must not usurp the primary competence of the UN and its regional arrangements.” (EKD Memorandum on Peace 2007, no.121, page 42)

We are aware that, in the case of the conflict in Syria, this is a formal argument because here international law has its limitations in view of the intervention by the powers protecting Syria, since these prevented a corresponding mandate. Nevertheless, we are convinced that violence is not the solution for conflicts. Violence only produces more dead and wounded and forces people to flee. We therefore support the approach of the Federal Government to work for political solutions instead of military intervention. In this connection, the EKD Peace Memorandum states, “Military action must remain only one component of a coherent policy [for peace] that ultimately rests under civilian authority” and military operations should always be both accompanied and followed by evaluation (nos. 118 and 123, pp.41-42).

A glance back at history shows that chemical weapons were developed a hundred years ago mainly by German scientists and were used by the German military during World War I. This reminds us of our own responsibility and we call upon the political leaders of our country, in historical responsibility and in the current situation, to refrain from supplying armaments to crisis regions and to do all in their power to promote peace in the Near East by political means.

In his Address to the Nation at the start of the retaliatory attack on Syria, the American President Donald Trump said, “Tonight, I ask all Americans to say a prayer for our noble warriors and our allies as they carry out their missions.” As Christian men and women in a country which launched a war on the peoples of the world twice in the past century, we declare that there are no “noble warriors”. War kills, wounds, maims, destroys and distresses people body and soul. Therefore we pray for peace. We pray for the victims of violence and war.

We trust the words of the prophet Isaiah, “The effect of righteousness will be peace” (Isaiah 32,17). As in every other country, peace with justice in Syria requires strong laws, social security, cultural diversity and the safeguarding of basic human needs. The force of arms is not a means to peace with justice.

Frankfurt/Main, April 2018

Rev. Sabine Müller-Langsdorf  (Officer for peace work)
OKR Rev. Detlev Knoche 
(Director)

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