Tiefe Betroffenheit nach dem Anschlag in Charleston – Ein Bericht von Daniel Lenski

Seit Ende letzten Jahres ist Daniel Lenski als Vikar der EKHN im Spezialpraktikum in New York. Dort arbeitet er im Büro des Lutherischen Weltbundes bei den Vereinten Nationen mit. Wie er die Stimmung nach dem Anschlag in Charleston erlebt hat, schreibt er in einem kurzen Bericht …

… und in einer Kolumne für die Evangelische Sonntagszeitung schreibt er über die Begegnung mit vielen freundlichen, beeindruckenden und weltoffenen Menschen genauso wie über die Ernüchterung über eine in vielfacher Hinsicht gespaltene Gesellschaft. Aber lest selbst:

Liebe Freunde und Wegbegleiter,

eigentlich wollte ich an dieser Stelle ausführlicher darüber schreiben, wie der Frühsommer auch New York verwandelt hat: Ältere Herren stellen ihre kleinen Tische auf den Bürgersteig des Grand Concourse und fordern zu einer Partie Schach heraus. An den Abenden treffen sich im Bryant Park hunderte von Menschen zu kostenlosen Tanzstunden. Das New York Philharmonic Orchestra gibt freie Open-Air-Konzerte.

Die Ereignisse vom Mittwochabend haben uns jedoch alle aus der entspannten Sommerstimmung herausgerissen. Der 21-jährige weiße Dylann Storm Roof wurde als Fremder im Bibelkreis der Emanuel African Methodist Episcopal Church in Charleston (South Carolina) willkommen geheißen. Etwa eine Stunde saß er in der für ihr soziales Engagement bekannten afro-amerikanischen Gemeinde, bevor er seine Waffe zückte. Sechs Frauen und drei Männer sind an diesem Tag ums Leben gekommen. Der Schütze soll später gesagt haben, er wolle einen Bürgerkrieg starten.

„Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele zu Dir, oh Gott.“ Mit Worten von Psalm 42 beginnen wir am Freitagvormittag unsere Sitzung im Church Center for the United Nations. Eigentlich sollte es eine reguläre Sitzung werden, um den neuen Vorstand des ökumenischen Arbeitskreises „Ecumenical Women“ zu wählen. Ich bin an der Reihe, die Andacht zu leiten. Wir beten und schweigen für einen Augenblick. Die methodistische Pfarrerin Dionne erzählt von den Opfern, die sie persönlich kennengelernt hat. Am Ende hören wir auf die Worte von „Beyond, where clouds no more appear“ – einem Lied, das mich seit meiner neuapostolischen Jugend begleitet.

Manche Reaktionen in den USA auf das Attentat sind für mich unfassbar: Meine Kollegin Ruth-Anne erzählt mir, wie ihre (weiße, sehr republikanische) Tante in facebook schrieb, es sei doch klar, dass es wieder die Christen getroffen habe. Diese seien ohnehin die am meisten verfolgte Gruppe der Welt. Gemeinsam schütteln wir den Kopf. Dieser Anschlag richtete sich nicht einfach gegen Christen, sondern gegen afro-amerikanische Menschen. Auch der Attentäter war Mitglied einer lutherischen Gemeinde.

Zum Glück gibt es so viele andere Äußerungen. Wie zum Beispiel der Auftritt von Jon Stewart, dem bekannten Moderator der „Daily Show“. Statt, wie üblich, die Sendung mit einem politischen Witz zu beginnen, erklärt er, dass er an diesem Tag nicht seine Arbeit machen konnte, weil ihm zu dieser Situation kein Witz mehr einfällt. Stattdessen fragt er in einer couragierten Rede, warum bei einem muslimischen Anschlag alle von strengeren Sicherheitsmaßnahmen und einem möglichen neuen Krieg gegen den Terror sprechen, es bei einem solchen Attentat wie in Charleston aber einfach heißt: „Gegen Verrückte kann man nichts machen“. (http://thedailyshow.cc.com/videos/kb2h42/charleston-church-shooting)

Meine aktuelle Kolumne für die evangelische Sonntags-Zeitung hatte ich bereits vor den Ereignissen in Charleston geschrieben. Sie trägt eine ganz andere Stimmung in sich. Trotzdem füge ich sie unten ein, weil wohl beide Erfahrungen mit meinem amerikanischen Jahr verbleiben werden: Die Begegnung mit so vielen freundlichen, beeindruckenden und weltoffenen Menschen genauso wie die Ernüchterung über eine in vielfacher Hinsicht gespaltene Gesellschaft.

Mit einem nachdenklichen Gruß

Ihr/Euer Daniel Lenski

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„Ihr bester Mann“

Wie ein Gruß am Morgen den Alltag verändert

„Good morning, brother!“ Auf Erics freundlichen Handschlag möchte ich morgens nicht mehr verzichten. Von sechs bis zehn Uhr steht der 50-Jährige am Subway-Ausgang Bryant Park mit einem Stapel kostenloser Zeitungen im Arm. Häufig gesellen sich ein oder zwei Personen an seine Seite, um mit ihm ein paar Sätze zu wechseln. Nicht nur für mich ist Eric Motivator, Seelsorger und Zeitungsverteiler in einem: Den müden Passanten begegnet er von montags bis freitags – je nach Bedarf – mit einem aufmunternden Lächeln, einem Klopfen auf die Schulter oder einem Wunsch für den Tag. „Wir haben Dich vermisst“, meinte eine U-Bahn-Fahrerin zu ihm, nachdem Eric wegen Knieproblemen zwei Tage lang gefehlt hatte. „Mach Dir keine Sorgen, Gott hat mir wieder aufgeholfen“, entgegnete Eric, der selbst einer Baptistengemeinde angehört. Mit der Zeit habe ich erfahren, dass der Afroamerikaner seinen Glauben als Quelle dafür begreift, den Menschen morgens so viel Zuspruch mitgeben zu können.

Eines Morgens erzählte mir Eric jedoch stattdessen von den Anfechtungen des Teufels: „Weißt Du, bei meinem Chef hat sich jemand darüber beschwert, dass ich zu viel mit den Menschen spreche, anstatt die Werbebeilagen der Zeitung anzupreisen. Aber die sieht doch jeder selbst.“

Voller Unverständnis schüttelte ich den Kopf und begann, eine E-Mail an die Herausgeber von Erics Zeitung zu schreiben. Unter der Überschrift „Ihr bester Mann“ schrieb ich, wie sehr ich mich darüber freute, dass Menschen wie Eric bei Wind und Wetter New York ein menschlicheres Antlitz verleihen.

Als ich in der Woche darauf auf einmal eine ganze Reihe facebook-Freundschaftsanfragen von mir unbekannten Menschen erhielt, merkte ich, dass meine Mail als Leserbrief unter dem Titel „Harte Arbeit wird anerkannt“ abgedruckt wurde. Der Zustellservice der Zeitung bedankte sich später für meine Rückmeldung. Eric begegnete mir an jenem Morgen mit einem noch größeren Lächeln: „Brother, mein Chef hat Deine Komplimente gelesen und mich gelobt. Er denkt nun tatsächlich über eine Gehaltserhöhung nach.“

 

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